Schnellsichtung

Genesis Würger & Schleimer Für Mehrwoller

Hintergrundklärung

Die mit der Maske persönliche Beschwerden & Wünsche
Ein Schiff für Caro

„Es war einmal in einem fernen Land ein wunderschöner Prinz, der jeden Tag traurig zum Horizont blickte.

Niemand konnte ihn aufheitern. Seine Mutter, die Königin nicht, die ihm lieblichen Kuchen buk. Sein Vater, der König nicht, der ihn mit zum Angeln nahm. Seine Amme Elli nicht, die ihm schöne Lieder vorsang. Und seine kleine Schwester Caro nicht, die ihm immer hübsche Kreidezeichnungen malte.

Jeden Tag saß er auf dem Balkon des weißen Palastes und seufzte: „Ach, warum bin ich nur so traurig? Wieso kann mich denn niemand glücklich machen? Weshalb nur ist der Horizont so fern?“

Und die Jahre zogen vorbei und der Prinz vergoss so viele Tränen.

An einem herrlichen Sommertag im Juli beschloss die Königin, dass es so nicht weitergehen könnte. „Mein König“, rief sie, „so tu doch etwas. Ich kann es nicht mit ansehen, wie der Junge sich quält. Es muss doch irgendetwas geben, das ihn glücklich macht!“

So schloss sich der König in seinen Thronsaal ein, um nachzudenken. Die Wochen gingen vorüber und außer den Dienern, die ihm Essen brachten, und seinem persönlichen Berater, der ihm täglich ein neues Wundermittel gegen Traurigkeit vorstellte, bekam niemand ihn zu Gesicht.

Eines Morgens schwang die Tür zum Thronsaal mit Schwung auf und der König trat lächelnd hinaus.

„Ich weiß nun, was wir tun. Der Junge braucht eine Luftveränderung. Wir schicken ihn fort zu meinem Bruder. Dort wird er zur Ruhe kommen.“

So wurde der schöne Prinz fortgeschickt, um zur Ruhe zu kommen. Seine Schwester Caro jedoch verstand dies alles nicht. Wo war ihr großer Bruder, der sonst immer mit ihr spielte? Wieso kam er nicht, um sie zu Bett zu bringen? Warum hatte er sie einfach so verlassen?

Ihre Mutter sah ihr an, dass etwas nicht in Ordnung war und fragte jeden Tag, was denn passiert wäre. Doch sie konnte ihr nicht erklären, was ihr fehlte. Waren doch ihre Eltern wieder glücklich, wo nun der Bruder weg war. Die Stirnfalten hatten sich in seiner Abwesenheit geglättet. Die Haare wurden wieder kastanienbraun, die grauen Strähnen verschwanden. Und die Hände wurden glatt, als wüssten sie nicht, wie Runzeln aussähen.

So weinte sich die kleine Prinzessin jeden Abend in den Schlaf. Ein altes Bild ihres Bruders verzweifelt an die Brust gedrückt. Sie wusste ja, dass er glücklich war, weit weg von ihr…

Sie bekam Literaturstunden und Zeichenunterricht. Sie lernte ihre Stimme wie ein Vöglein zu erheben und wie eine Dame zu reden und zu schreiten. Sie übte den Walzer und Ballett und ihr Vater gab ihr sogar als kleines Geschenk Unterricht im Bogenschießen.

Doch jeden Morgen rannte sie zu der Klippe und blickte zum Horizont, aber ihr Bruder kehrte nie zurück. Sie stand jeden Morgen auf, erhielt ihren Unterricht und schluchzte abends bittere Tränen.

Ihren Eltern mochte sie immer noch nicht sagen, was sie so bedrückte. Der Vater wurde ungeduldig und verbot ihr schließlich den Schießunterricht. Aber sie sagte immer noch nichts. Ihr wurde der Umgang zu ihren Freunden verboten. Aber sie brachte kein Wort über die Lippen.

Die Königin war verzweifelt. Was nur fehlte ihrer hübschen Tochter zum Glück? Vielleicht war sie einsam?

„Vielleicht sollten wir ihr einen Mann suchen?“, fragte sie sich. Sie besprach dies sogleich mit dem König und dieser nickte bedächtig. „Nun, du hast vermutlich recht, es wird Zeit, dass sie ihre königlichen Pflichten erfüllt! Ich werde mich darum kümmern, ihr einen gescheiten Mann zu suchen!“

Als die kleine Prinzessin dies hörte, wurde ihr ganz bang zumute. Heiraten? Sie? Ach, wenn ihr Bruder nur hier wäre.

Am nächsten Morgen, die Sonne ging gerade auf, spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Verschlafen rieb sie sich die Augen und erblickte einen jungen Mann an ihrem Bett. Es war ihr geliebter Bruder.

„Guten Morgen, Schwesterlein. Ich bin zurückgekehrt. Unser Onkel hat mich gelehrt, dass man Glück nur von innen erreichen kann. Nur, wenn du dich selbst liebst, kannst du glücklich sein, ganz egal, was dir fehlt.“

Erstaunt blickte sie ihn an. Wie weise seine Worte klangen und wie schön dieses Lächeln auf seinem Gesicht ihn machte.

„Ich habe dich so vermisst!“, rief sie und schlang ihre Arme um seinen Hals. Er lächelte sie an.

„Bleibst du nun?“, fragte sie ängstlich.

„Ja, Schwesterlein, aber du wirst in die Welt hinausgehen. Du hast dich verloren in deiner Sehnsucht nach mir. Du musst dich erst wiederfinden, bevor du etwas Neues beginnen kannst!“

Erschreckt sah sie in seine grünen Augen.

„Keine Angst, auch ich war lange allein. Aber nun bin ich hier und glücklicher als je zuvor. Auch du wirst sehen, welche Wunder die Welt für dich bereit hält!“, sprach er, „hörst du dieses Geräusch?“

„Ja, es klingt wie ein Stein, der über das Wasser hüpft!“, rief sie aus.

„Das, meine Kleine, ist ein Schiff. Ich schenke es dir. Ich brauche es nun nicht mehr. Segel in den Horizont hinein, ich weiß, dass auch du dich danach gesehnt hast. Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst und komm mit einem Lächeln zurück!“

Er drückte sie noch einmal und ließ sie allein. Etwas verunsichert stand sie auf, doch dann ergriff sie die Abenteuerlust. Flink packte sie ein paar Kleider zusammen, Proviant für die Reise und das abgegriffene Foto von ihm. Dann lief sie zum Meer, band das kleine Schiff los und segelte in den Sonnenaufgang hinein, um ihr Glück in ihr selbst zu finden.

Und wenn sie nicht gestorben ist, dann ist sie vielleicht Pirat geworden!“

 

Caro lachte mich an. „Mama, du hast das Ende getauscht! Es heißt doch, wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute!“

Ich lächelte zurück. Da hatte sie wohl Recht. Und dann beschloss ich, dass ich das kleine Boot restaurieren würde, um mit ihr in den Sonnenaufgang zu segeln.

28.3.11 21:41
 


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